Sanierungsplanung Verkehr
Hans Billinger:
Der Straßenverkehr in der Sanierungsplanung
Man kann es sich heute kaum noch vorstellen, dass bis zum
Jahre 1989 die stark frequentierte Bundesstraße 304 mitten
durch die Altstadt von Wasserburg am Inn führte. Über die
Innbrücke quälte sich eine endlos erscheinende
Fahrzeugkolonne durchs Stadttor. Der Fahrzeugstrom in
Richtung Süd und Ost nutzte damals wie heute die Verbindung
über die Burg und die Schmid-zeile und die Gegenrichtung
wurde über den Marienplatz, die heute verkehrsfreie
Salzsenderzeile, die Hofstatt, die Ledererzeile, den
Weberzipfel und die Neustraße in die Münchner Straße
geleitet. Vor allem in den Jahren kurz vor Fertigstellung
der Nordumgehung war die Situation und vor allem die
Abgasbelastung am Marienplatz unerträglich.
Als im Jahre 1974 mit den vorbereitenden Untersuchungen zur
Altstadtsanierung begonnen wurde, fuhren zwischen 7.00 und
19.00 Uhr ca.8 000 Kfz/ 12 h durch die Salzsenderzeile. Auf
der Burg wurden ca. 4 000 Kfz/12 h gezählt, in der
Ledererzeile 7400 Kfz/12 h und - wie heute auch - war der
Marienplatz mit ca. 11 000 Kfz/12 h am schlimmsten
betroffen. Über die Innbrücke fuhren ca. 13 450
Kraftfahrzeuge am Tag (=11 400 Kfz/12 h). Der hohe Anteil an
Schwerlastfahrzeugen (ca. 10 %), die engen Abbiegeradien und
die beschränkte Durchfahrtsbreite am Brucktor verschärften
die Probleme zusätzlich. Eine Kennzeichenbeobachtung ergab,
dass an einem normalen Werktag ca. 5 660 Kraftfahrer die
Altstadt ledig-lich durchfuhren. In der Ferienzeit gehörten
gar 76% der Autofahrer in der Schmidzeile zu diesen
Durchfahrern.
Zu dieser Belastung durch fließenden Verkehr kam eine bis
zu 50 % erreichende Überbelegung der Parkplätze in der
Altstadt. Geparkt wurde auf den Gehwegen, in 2. Reihe und im
absoluten Halteverbot. Ca. 60 % der im Bereich Ledererzeile,
Salzsenderzeile, Marienplatz, Kirchplatz und Schustergasse
abgestellten Fahrzeuge standen dort Iänger als 3 Stunden.
Der Parkplatz Gries war selbst in Spitzenzeiten nur zur
Hälfte belegt und diente vorrangig (zu 84%) für das
Kunden- und Besucherparken.
Eine erfolgreiche Sanierung war nur durch eine Befreiung
der Altstadt von der erdrückenden Zahl an Parkern möglich.
Es mussten also Ersatzparkplätze für die Innenstadt
geschaffen werden. Da im Jahre 1975 noch nicht feststand,
für welche Umgehungsstraßen sich die Straßenbauverwaltung
entscheiden würde, war der Bahnhofsbereich der einzige
brauchbare Standort. So entstand der Beschluss für den Bau
eines Parkhauses am Bahnhof, welches dann 1990 in Betrieb
genommen werden konnte.
Eine verkehrsfreie „Burg“ wäre nur möglich gewesen,
wenn die Neustraße im Zweirichtungsverkehr befahren, oder
eine neue Verbindung zum Bahnhof gebaut würde. Die
Aufweitung der Neustraße hätte nicht nur einen
Gebäudeabriss im Bereich der Einmündung Bahnhofstraße
bedeutet, mit ihr wäre auch der Neuordnungsbereich am
Bahnhof von der Altstadt abgetrennt und die Ledererzeile als
direkte Fortsetzung der Neustraße als Haupterschließung
festgeschrieben worden. Eine neue Verbindung von der
Münchner Straße zum Bahnhof, die sogenannte Rampe,
versprach hier mehr Entwicklungsfreiheit für die Stadt;
eine weitsichtige Entscheidung des Stadtrates und
Voraussetzung für die heutige Fußgängerzone in der
Salzsenderzeile. Die Rampe wurde im Jahr 1990
fertiggestellt.
Eine Kennzeichenbeobachtung im Jahre 1985 untersuchte die
zu erwartende Entlastung durch die neue Umgehung. Über die
Innbrücke fuhren zu diesem Zeitpunkt ca. 16 700
Kraftfahrzeuge am Tag (=14 200 Kfz/12 h). Die zu erwartende
Entlastung durch die Umgehung wurde als deutlich geringer
als die Verkehrszunahme in den vergangenen 10 Jahren
ermittelt. So galt es ein neues Verkehrskonzept zu
entwickeln, welches die Entlastungswirkung der Umgehung
deutlicher unterstützt.
Verkehrsbelastung 1975 / Grafik vergrößern (JPG-Datei, ca. 97 KB)
Verkehrskonzept für die Altstadt (1989) / Grafik vergrößern (JPG-Datei, ca. 141 KB)
Verkehrsbelastung 1994 / Grafik vergrößern (JPG-Datei, ca. 86 KB)
Der Verkehrsfluss in der Stadtdurchfahrt musste verlangsamt
werden, um die Attraktivität der Umgehung zu steigern. Dem
Vorschlag der Planer, den Verkehr in beiden Fahrtrichtungen
über die Burg zu führen und die vorhandenen Engstellen
durch Wechselsignalanlagen zu entschärfen, mochte sich der
Rat der Stadt nicht anschließen. Es blieb daher bei der
bisher gültigen Aufteilung, Fahrtrichtung Ost über die
Burg und West durch die Salzsenderzeile. Hofstatt und
Salzsenderzeile sollten allerdings zum verkehrsberuhigten
Bereich umgestaltet und so der Verkehr verlangsamt
werden.
Die wachsende Motorisierung hat auch zu einer Verschärfung
der Probleme im ruhenden Verkehr geführt. Die Nachfrage
nach Parkständen stieg auf über 1000 Plätze an und konnte
in Spitzenzeiten nur durch Ausweichen auf das Südufer
gedeckt werden. Auch 1985 war der Kernbereich der Altstadt
in hohem Maße (ca. 50 %) mit Dauerparkern vollgestellt und
Kunden und Besucher mussten auf die Parkplätze in den
Randbereichen ausweichen.
Nach Freigabe der Umgehungsstraße im November 1989 und
Fertigstellung der neuen Westzufahrt zur Altstadt (Rampe)
sowie des Parkhauses am Bahnhof im Sommer 1990 waren die
bautechnischen Voraussetzungen für die Verkehrsentlastung
der Altstadt von Wasserburg am Inn geschaffen.
Eine Zählung 1990 ergab, dass die Belastung der Münchner
Straße nur um 18% gegenüber den 1985 gezählten Werten
zurückgegangen ist. Dabei wird die Altstadtdurchfahrt
Richtung Ost mit 3100 Kfz/Tag deutlich stärker genutzt, als
die verkehrsberuhigte Richtung West mit 1 950 Kfz/Tag. Die
Belastung der Altstadt durch Schwerlastverkehr ist von 10 %
auf ca. 6 % zurückgegangen. Die Befragung der Kraftfahrer
zeigte, dass die Umgehung für weitere 3 350 Fahrten am Tag
zumutbar gewesen wäre. Durch starke und die
Durchfahrungszeit verlängernde Beruhigungsmaßnahmen ließe
sich demnach die Belastung der Münchner Straße um 30 %
senken.
In West-Ost-Richtung (Auf der Burg) werden verlangsamende
Maßnahmen erst greifen, wenn massiver Gegenverkehr
gegenseitige Rücksichtnahme verlangt. Die gebündelte
Führung bei der Fahrtrichtungen über die Burg sollte daher
im Auge behalten werden. In Ost-West-Richtung wird der
Kraftfahrer heute über den Kaspar-Aiblinger-Platz und den
Heisererplatz geführt. Die Fahrt über die Salzsenderzeile
ist nicht mehr möglich, sie ist heute
Fußgängerzone. Mit fast 2 000 Kfz/Tag konnte
die Salzsenderzeile als Mischfläche nicht befriedigen. Viel
zu wenig Fußgänger trauten sich, den verkehrsberuhigten
Bereich in ganzer Breite zu nutzen und die Autofahrer
hielten sich nicht an die Schrittgeschwindigkeit. Die
heutige Verkehrsführung am Altstadtrand ist den dortigen
Anwohnern nur zumutbar, wenn auch dort für maßvolle
Geschwindigkeiten und sichere Querungsmöglichkeiten gesorgt
wird.
Mit dem Parkhaus am Bahnhof umfasste das Stellplatzangebot
1990 ca. 1100 Plätze. Dank Kurzparkregelung sind die
Ledererzeile, die Herrengasse und der Marienplatz endlich
Schwerpunkt der Kurzparker. Um Kunden und Besuchern
möglichst viele Parkstände zu bieten, werden die Altstadt
und ihre Randbereiche zu Kurzparkzonen. In den Randbereichen
werden Anwohner vom Kurzparkgebot ausgenommen. Dauerparkern
stehen der Parkplatz am Gries, das Parkhaus am Bahnhof und
die Parkplätze unter der Rampe zur Verfügung. Durch
stärkere Straßenraumdurchgrünung und die neue
Kurzparkregelung werden etwa 150 Stellplätze in der
Altstadt beansprucht. Diese sollen in einem Parkhaus am
Kellerberg am Südufer unmittelbar vor der Innbrücke
geschaffen werden. Das Parkhaus Kellerberg als Ergänzung
und als teilweiser Ersatz für den Parkplatz Gries
verspricht eine Entlastung der Altstadtdurchfahrt. Es liegt
richtig für die Zufahrt aus Ost und Süd. Aus West kann es
über die Umgehungsstraße angefahren werden.
Die Aufwertung der Altstadt durch weniger Autoverkehr und
weniger Flächenbedarf für das Parken braucht begleitend
den Aufbau einer attraktiven Busbedienung. Möglichst viele
Wasserburger sollen zum Umsteigen auf dieses Verkehrsmittel
gewonnen werden. Die Iinienhaft entwickelte Stadt ist dafür
gut geeignet.
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